Sonntag, 23. Januar 2011

Die Geburt.

Um 15 Uhr gingen wir in den Kreißsaal, um die Fruchtblase zu öffnen. Zuerst wurde allerdings ein CTG geschrieben, um zu schauen, dass alles mit dem Baby in Ordnung ist. Ich war mehr interessiert an dem Raum, als an dem CTG, um ehrlich zu sein. Ich war enttäuscht, dass der Raum kein Fenster hatte. Es gab auch keinen Peziball oder Seil, an was man sich hängen konnte. Nur einen Schaukelstuhl und das Bett.
Nachdem die Fruchtblase um 15.45h geöffnet wurde, wurde wieder ein CTG geschrieben. Die Wehen kamen sofort und alle Wehen, die ich davor hatte, fühlten sich wie ein Spaziergang an. Allerdings zeichnete das CTG keine Wehen auf, was die Hebamme dazu brachte mir zusätzlich einen Zugang zu legen an der Hand, um mir das Mittel "Oxytocin" zu geben, was Wehenfördernd ist.
Es half ebenfalls sofort und so stand ich mitten unter der Geburt innerhalb weniger Stunden. Ich versuchte strikt jede Wehe zu veratmen und fühlte mich jedes Mal ganz weit weg von allem, als ich eine Wehe hatte. Die Augen geschlossen, tief einatmen, langsam ausatmen. Und vorbei.
Ich wollte nicht im Bett liegen, denn ich wusste, dass es half, wenn man aufrecht steht. So hängte ich mich an Joonas, um die Wehe zu veratmen und kreiste mit den Hüften. Alles, um das Baby in den Geburtskanal zu bekommen.

Vor dem Öffnen der Fruchtblase war ich bereits bei 2,5cm, allerdings war der Gebärmutterhals noch bei 3cm. Zwei Stunden nach dem Öffnen wurde ich wieder untersucht. 3cm, allerdings war der Gebärmutterhals komplett zurückgezogen, was die Hebamme erstaunlich fand, denn das ging sehr schnell für jemand, der das erste Kind kriegt. Das gab natürlich eine Menge Motivation. Die Wehen wurden heftiger, die Dosis Oxytocin erhöht und ich hatte mehr und mehr Probleme zu veratmen. Allerdings habe ich mich dazu gezwungen. Jede Wehe ist ein Stück näher zum Ende.
Ich versuchte das Lachgas, aber hätte beinahe auf den Boden gebrochen davon. Also sagte ich der Hebamme direkt, dass ich eine PDA wollte. Da ich wirklich immer mehr Probleme mit den Schmerzen hatte, willigte sie ein und rief den Anästhesisten hinzu. Die Minuten, bis dieser zu uns kam, schienen endlos. Jede Wehe überrollte mich und ich verlor zwei Mal komplett die Fassung und fing an zu heulen, zwang mich aber noch dabei alles zu veratmen.
Von der Hebamme bekam ich nur Lob, wie toll ich atmen würde. Ich war in keinem Geburtsvorbereitungskurs und hatte vollkommen auf mein Bauchgefühl gehört, wie ich atmen müsste. Das Lob gab Mut, aber ich wollte nicht die Heldin spielen und wählte den einfachen Weg. Ich lag allerdings damit falsch, wie ich noch merken würde.

Um 20.40h bekam ich die PDA gesetzt und die Erleichterung fühlte sich großartig an. Joonas und ich fingen an über alles mögliche zu reden, während ich die Wehen zwar noch merkte, aber sie nicht schmerzhaft waren. Auf dem CTG wurden übrigens noch immer keine Wehen aufgezeichnet. Sehr komisch.
Gegen 22h entschied sich Joonas etwas zu schlafen, da er ja in der Nacht zuvor nicht viel Schlaf bekam vor Aufregung. Ich hingegen konnte nicht schlafen und las mein Buch weiter. Kommt auch nicht oft vor, dass jemand während der Geburt "Four Chimneys - Eyewitnesses of Auschwitz" liest, oder?
Zwischendurch wurde ich dann gefragt, ob ich auf Toilette müsste und ich schaffte es trotz PDA. Allerdings dachte ich, ich würde nie wieder vom Klo aufstehen können. Meine Ehre verbot es mir allerdings nach Hilfe auf dem Pott zu schreien ;) Joonas schlief daraufhin wieder und war erst gegen halb zwei in der Nacht wach.
Gegen zwei spürte ich wie die Wehen wieder schmerzvoller wurden und ich wieder veratmen musste. Ich rief sofort die Hebamme, ob das normal sei und sie sagte, dass sie mir noch einmal Schmerzmittel geben würde.
Das half kein Stück. Im Gegenteil: Ich bekam Herzrasen.
Auch die Schmerzpumpe brachte keine Erleichterung. Und ich war bei 6cm angelangt. Aufstehen durfte ich noch immer nicht und so musste ich jede Wehe im Liegen veratmen. Ich zwang mich zu dem Zeitpunkt wirklich zu atmen und nicht einfach nur zu schreien. Wieder lobte mich die Hebamme (inzwischen eine andere, da Schichtwechsel) für meine Atmung und zwischen den Wehen unterhielten wir uns auch nett über Deutschland, wie Joonas und ich uns kennen gelernt hatten und warum ich so lebensmüde war Finnisch zu lernen ;)

Doch die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen und hielten für 45 Sekunden an. Und in der Zeit fühlten sich 45 Sekunden wie eine Stunde an. Es wurde beratschlagt, welche Schmerzmittel ich probieren könnte. Die Spinalanästhesie wurde nicht empfohlen, da sie nur zwei Stunden anhält und ich noch 4cm vor mir hatte. Und so entschied man sich dafür mir Schmerzmittel direkt an den Muttermund zu setzen. Ich habe nicht wirklich viel verstanden, weil ich so in Konzentration die Wehen veratmet habe, aber die Schmerzen waren heftig, als sie die Spritzen setzten. Und das Ergebnis? Es half kein Stück.
Die Hebammen kamen zusammen, beratschlagten sich und versuchten die gleiche Prozedur, die schon beim ersten Mal keinen Erfolg brachte, noch einmal. Dieses Mal verlor ich es und fing an zu heulen, als gäbe es keinen Morgen mehr. Und doch zwang ich mich selber zu atmen. So heulte und atmete ich zeitgleich und sagte mir immer und immer wieder, dass es bald vorbei sein würde.
Gegen 4 Uhr war ich bei 8cm und war in meiner eigenen Welt. Mein Blick war auf die Uhr fixiert, um mich drauf vorzubereiten, wann die nächste Wehe kommen würde. Mittlerweile war ich so verkabelt, dass ich nicht aufstehen konnte.
Am Handgelenk hatte ich drei Anschlüsse am Zugang: Kochsalzlösung, da ich nur einen halben Liter seit dem Öffnen der Fruchtblase getrunken hatte, Schmerzmittel und Oxycotin. Am Rücken war der Zugang der PDA verklebt und an der Schulter baumelte der Zugang, durch welchen ich bereits um 2 Uhr eine weitere Dosis gespritz bekommen habe, die nicht half.
Direkt am Baby wurde der Herztonmesser befestigt und da das CTG kaputt war (deswegen wurden keine Wehen aufgezeichnet), auch ein Messer für die Wehen am Uterus. Außerdem irgendwelche Drähte oder Zugänge wegen dem Schmerzmittel am Muttermund. Also kam es nicht in Frage auf Klo zu gehen und ich bekam einen Katheter gelegt. Es war ja nicht schon schmerzhaft genug ...

Als ich um fünf Uhr morgens untersucht wurde, war ich bei 9 Zentimetern und wir bekamen alle einen Schreck, als plötzlich die Herztöne vom Baby abfielen. Sofort wurde ich angewiesen mich auf die Seite zu drehen und er erholte sich schlagartig. Puh, zum Glück!
Kurz vor sechs Uhr krallte ich mich mit meiner Hand am Bett fest, denn ich konnte einfach nicht mehr und die Schmerzen wurden immer mehr. Ich hatte bereits das Gefühl pressen zu müssen, aber durfte noch nicht. Ein HALBER Zentimeter fehlte noch. Ich versuchte auf allen vieren eine bessere Position zu finden, aber verlor endgültig die Fassung. Um 6.05h war es soweit: 10cm auf und ich durfte leicht pressen, um ein Gefühl dafür zu kriegen. Ich spürte den Kopf ganz genau und wie er sich den Geburtskanal runterbewegte. Als Hände unter die Oberschenkel, an den Körper gezogen, Augen zu, Luft holen und PRESSEN! Pause. PRESSEN! Pause. PRESSEN!
Ich schaute immer auf das CTG, um den Anstieg für die Wehen zu sehen, damit ich mich vorbereiten konnte. Half mir sehr viel, wie ich finde.
Die Hebamme sagte dann, dass sie mich schneiden musste. DAS tat wirklich extrem weh, da ja keine Betäubung in irgendeiner Form vorhanden war. Kann man vergleichen, als würde man sich zwischen Daumen und Zeigefinger schneiden. Autsch.
Aber gut, sie sagte mir dann, dass es bald soweit sei und, dass mein Baby Haare hat.
Also noch einmal alle Kraft gesammelt und gepresst. "Der Kopf ist da." Nein, es hätte lauten sollen "Der Schmerz fühlt sich an, als würde man dich zerreißen und du musst jetzt solange warten, bis die nächste Wehe kommt, harhar!". Aber die Wehe war ganz bald da und ich presste erneut und schrie den Kreißsaal zusammen. Wenn der Körper aus einem herausgleitet, dann tut das WEH. Und das durfte ruhig jeder hören.

Aber es war geschafft. Die Sekunden, bis ich ihn sehen konnte, erschienen so ewig. Er wurde gesäubert und äußerte direkt seinen Unmut. Die Ärztin schob meinen Kittel nach oben und legte mein Baby auf meine Brust. Er schrie und schrie und ich küsste ihn tausendfach auf seinen kleinen Kopf. Er war da. Es war geschafft und er war da. Und er war so süß. Joonas, der die ganze Zeit meine Hand gehalten hatte und mir immer wieder sagte, wie sehr er mich bewundert für die Leistung, die ich da brachte, war am strahlen und schnitt dann die Nabelschnur durch (und vorher sagte er, er würde das NIIIEEE tun, weil er kein Blut sehen kann). Dann wurde mir der Kleine noch einmal ganz gezeigt und dann ging es zum Baden, während ich noch die Plazenta rausbefördern musste ;) Die Hebamme war ganz erstaunt, als ich fragte, ob ich die Plazenta angucken könnte. Sah ganz interessant aus. Wir hatten uns schon vor Monaten drauf geeinigt, dass wir das Blut der Nabelschnur spenden wollten.

Während der stolze Papa seinen Sohn wickelte und die Hebamme ihn anzog und einwickelte, wurde das Bett mal eben umgebaut und als Joonas mit Jonne auf dem Schaukelstuhl saß, völlig vertief und verliebt in den Kleinen, wurde ich genäht. Alle Kabel wurden entfernt, außer der Zugang am Handgelenk, und wir bekamen Frühstück, von der nächsten Hebamme (Schichtwechsel), gebracht. Es war sehr komisch das erste Mal wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Meine Beine fühlten sich an wie Pudding, mein Bauch war plötzlich leer und ich merkte wie hungrig ich war. Seit fast 24 Stunden nichts gegessen und ein Baby zur Welt gebracht. Hunger!
Duschen wollte ich allerdings nicht, ich ging nur auf Toilette und als ich wiederkam war Jonne weg. Es war der Verdacht aufgekommen er habe Fruchtwasser geschluckt und wurde untersucht. Allerdings war er kurze Zeit später wieder bei uns und bekam in den drei APGAR Tests je 9 Punkte.
Wir sammelten unsere Sachen ein, während ich an alle Freunde und Bekannte die SMS verschickte, dass unser Sohn zur Welt gekommen ist. Meine Eltern und Joonas Eltern hatten wir direkt angerufen, nachdem ich genäht war.
Die Hebamme holte einen Rollstuhl, dieses schicke Schwimmreifenkissen und es ging auf die Neugeborenenstation. Ich platzte beinahe vor Stolz und hätte unterwegs jedem am liebsten zugerufen "HEI! Schaut her, ich habe gerade diesen süßen Jungen zur Welt gebracht!" Allerdings konnte doch jeder eins und eins zusammen zählen und wusste das.
Auf Station fiel dann auf, dass ich ja vorher auf Station 11 war und jetzt auf 13. Also wurde der Gatte beordert meine Sachen zu holen, während die Hebamme der Station (oder eher für zwei Zimmer, je eine Hebamme betreut 4 Mütter) Jonne umzog, um in sein Bettchen zu legen.
Ich legte mich auf mein Bett und Joonas und ich starrten unseren Sohn, auf den wir so lange gewartet hatten, einfach nur an. Er verabschiedete sich ein paar Minuten danach allerdings, da er auch K.O. war und es war keine Besuchszeit. Doch er versprach natürlich, dass er um 17h wieder da sein würde.
So verließ er Jonne und mich und ich wurde mit einem Mal davon getroffen, dass ich jetzt Mutter war. Der einfache Teil, die Schwangerschaft, war vorbei. Jetzt war er da.

Ich bekam ein paar Stunden später einen wunderschönen Blumenstrauß von meinen Schwiegereltern und ein wenig später noch einen von der zweiten Urgroßoma und deren Familie. Das sah so wunderschön aus auf meinem Nachttisch.
Die Hormone ließen mich allerdings nicht schlafen, nur dösen und so machte ich das erste Foto von Jonne (ohne Joonas und mich, davon machten wir ein paar im Kreißsaal) und lud es hoch. Das Krankenhaus hat kostenlos WiFi für Patienten ;)
Die SMS kamen im Minutentakt und die ganzen Glückwünsche erfreuten mich noch mehr.
Das erste Mal angelegt hatte ich Jonne auch im Kreißsaal. Die Hebamme fiel fast um, als sie sah wie toll das geklappt hatte und wie zügig Jonne trank. Das ich fast drei Minuten wie doof versucht hatte eine Position zu finden, die gut war, wusste sie zum Glück nicht.
Das Wickeln und Stillen klappte wunderbar auf Station und ich fand zwischendrin Zeit zum Duschen, während Jonne schlummerte und die Hebamme aufpasste.
In der Nacht wollte ich Jonne partout nicht ins Schwesternzimmer geben, aber anders hätte ich keinen Schlaf gefunden. Und so ging er um 1h nachts zu den Hebammen und ich konnte ein bisschen schlafen.


Gott, ist der Text lang geworden :D

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