Die erste Nacht mit Jonne endete bereits um 5:30h am morgen. Ich hatte nciht wirklich geschlafen, eher gedöst und war ganz aufgeregt den Kleinen wieder bei mir zu haben. Er schlief wirklich gut, wachte immer auf, wenn er Hunger hatte und ließ sich auch gut wickeln. Allerdings kam fast jedes Mal eine Hebamme hinzu, um seine Atmung zu kontrollieren. Laut ihnen war diese nämlich zu schnell. Ich dachte mir nichts dabei, stillte weiter, holte mein eigenes Frühstück und schaute Jonne über mehrere Stunden hinweg einfach nur an.
Plötzlich kam allerdings die Stationshebamme ins Zimmer und sagte, dass die Kinderärztin Jonne untersuchen muss. Seine Infektionswerte im Blut waren viel zu hoch. Sie nahm den Kleinen auf den Arm und ich folgte.
Die Ärztin machte den Kleinen erstmal nackig, wofür er sich revanchierte, indem er in hohem Bogen auf den Boden pinkelte. Das Bild, was sich mir bot, wie die Ärztin besorgt den Kleinen untersuchte und dann der Hebamme sagte, dass etwas nicht stimmt, war zu viel. Mein Kleiner war gerade erst auf der Welt und nun sprachen sie davon, dass er verlegt werden musste. Ich fing an zu weinen und beide Frauen trösteten mich.
Dann sagten sie, dass Jonne auf Station 64 verlegt werden musste. Intensivstation.
Der Schock saß tief und ich ging wie in Trance zurück aufs Zimmer. Jonne legte ich neben mich aufs Bett, weil ich ihm zeigen wollte "Hei, deine Mama ist hier, dir passiert nichts.". Nebenbei versuchte ich die ganze Zeit Joonas zu erreichen, welcher bei seinem besten Freund pennte, nachdem dieser ihm die "Daddyparty" schmiss, zur Feier von Jonnes Geburt. Es ging keiner dran. Auch meine Mutter, die ja inzwischen bei uns zu Hause war, hatte das Handy aus.
Ich fühlte mich hilflos. Einfach nur hilflos. Mein Mann und meine Mutter waren nicht erreichbar und dann kriegte ich gesagt, dass Jonne nach dem Mittagessen verlegt wird.
Ich habe fast keinen Bissen runtergekriegt und die Minuten vergingen zu schnell. Ein letztes Mal stillte ich ihn auf dem Bett, als auch schon die Hebamme kam, mit Jonnes Papieren und einem Kinderwagen.
Das Laufen war unangenehm. Die Narbe vom Dammschnitt zog und beim Legen vom Katheter müssen Risse entstanden sein, die brannten und am verheilen waren.
Die Intensivstation lag im komplett anderen Komplex und so gingen wir zuerst in den Aufzug, dann in den Keller und durch die irren Tunnelsystem unter dem Krankenhäuser. Es war locker ein Weg von 800 Metern, es kam mir allerdings ewig vor.
Die Hebamme schob Jonne. Ich war so eifersüchtig. ICH wollte diejenige sein, die meinen Sohn das erste Mal im Kinderwagen schiebt. Und jetzt war sie es. Auf der Station angekommen stellten sich die diversen Krankenschwestern dort vor und Jonne wurde in den Brutkasten gelegt. Ich wurde gefragt, ob ich bleiben möchte oder nicht und natürlich wollte ich bei meinem Baby bleiben. Doch dann wurde mir gesagt, dass er jetzt verkabelt werden musste und der Zugang im Kopf für die Medikamente musste gelegt werden. Ich sollte um 15 Uhr wiederkommen.
Also gingen wir zurück. Die Krankenschwester schob den leeren Kinderwagen und ich versuchte mit ihrem Tempo mitzuhalten.
Auf dem Zimmer brach ich endgültig zusammen. Ich lag auf dem Bett, neben mir das Babybettchen und es war leer. Mein Kleiner lag 800 Meter von mir entfernt und ihm wurde ein Zugang in den Kopf gelegt. Er wusste doch gar nicht was mit ihm passiert und wo seine Mama plötzlich ist. Ich konnte nicht mehr. Ich hab Rotz und Wasser geheult.
Ich habe versucht Joonas wieder zu erreichen und dieses Mal klappte es. Ich schrie ihn schon fast an er solle sich in ein Taxi setzen, meine Mutter einsammeln und herkommen.
Eine Stunde später waren beide endlich da. Ich fiel ihm in die Arme und heulte weiter. Ich erzählte ihm, was ich wusste und begrüßte dann endlich auch meine Mama. Sie beruhigte mich am meisten, denn Joonas selber war auch ziemlich aufgebracht, weil er nicht wusste, was mit seinem Baby ist.
Einige Zeit später ging ich auf Station, um auf Klo zu gehen, als man mich fragte, ob ich im Krankenhaus bleiben möchte oder nach Hause gehen will. Ich sagte sofort, dass ich nach Hause will. Der Gedanke in dem Zimmer zu schlafen, wo meine Bettnachbarin mit ihrem kleinen Sohn lag, war schrecklich.
Endlich, als es 15 Uhr war, machten Joonas und ich uns auf zur Intensivstation. Er schob mich im Rollstuhl und nach kurzer Wartezeit konnten wir zu unserem Baby. Er lag nur in Windel im Brutkasten, hatte den Herztonmesser an der Brust und eine Kanüle im Kopf. Er wurde direkt auf Antibiotikkur gesetzt.
Zuvor hatte ich das erste Mal Milch abgepumpt. Es waren bestimmt nur 20ml, aber jeder Millimeter war wichtig für ihn und stolz überreichte ich es den Krankenschwestern, damit sie es ihm geben konnten. Ich setzte mich in den Schaukelstuhl neben Jonne und bekam ihn - dick eingepackt - auf den Arm. Wir verliebten uns wieder in ihn.
Die anderen Babys in der ICU guckte ich mir nicht an. Ich sah nur kurz, dass das Nachbarbaby wirklich winzig war. Ich dachte mir die ganze Zeit, dass Jonne da doch nicht hingehören würde. Er war weder zu früh, noch wirklich krank.
Irgendwann gingen wir zurück auf Station, wo die Abschlussuntersuchung bei mir gemacht wurde. Es war alles okay, wir besprachen Rückbildungsgymnastikübungen und dann konnte ich eigentlich meine Sachen packen. Wir beschlossen allerdings noch einmal zu Jonne zu gehen. Dieses Mal stillte ich ihn und nach einer halben Stunde gingen wir wieder zurück. Wir riefen Joonas Vater an, der uns abholte, und packten meine Sachen zusammen.
Ich wollte unbedingt weiter abpumpen für Jonne, allerdings war es nach 18 Uhr und alle Babyläden hatten schon geschlossen. Wir versuchten in der Apotheke eine Brustpumpe zu bekommen und hatten auch kein Glück. Das ich am Tag darauf den Milcheinschuss hatte, half auch kein Stück.
Am Abend unterhielten meine Mama und ich uns übers Internet mit meinem Papa in Deutschland und gingen gegen Mitternacht schlafen. Wir machten Pläne, dass wir um 11Uhr zu Jonne fahren würden und Joonas musste arbeiten. Ich schlief tief und fest in der Nacht und konnte Kraft sammeln.
Allerdings schlief ich im Wohnzimmer auf dem Sofa und nciht in Jonnes Zimmer, wo ja mein Bett bereits stand. Ich konnte den Raum nicht betreten. Jonne war nicht mehr in meinem Bauch, aber auch nicht in seinem Bett, wo er sein sollte. Meine Mutter schlief dann dort.
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